4.) Rojava – eine Alternative

Aus den Unruhen des syrischen Bürgerkriegs bildete sich im Januar 2014 aus den drei unabhängigen Kantonen Afrîn, Kobanê und Cîzîre eine gemeinsame Föderation und damit eine friedliche Alternative für die gesamte Region: Die basisdemokratisch organisierte und selbstverwaltete „Demokratische Föderation Nordsyrien/Rojava“. Es ist ein Ort des Fortschritts und der Entwicklung mit einem Gesellschaftsvertrag und einer schriftlichen Verfassung, die auf der Gleichbehandlung aller Religionen, Sprachen und Geschlechter basiert und auf den Grundsätzen der Freiheit und Demokratie eine gerechte und ökologische Gesellschaft anstrebt. 

Eine Gesellschaft, in der Frauen gleichberechtigte Mitglieder sind und in allen Strukturen selbstorganisiert sind: Frauenräte und -kommunen, Frauenhäuser sowie Bildungsangebote, in denen über feministische Ökonomie, Ökologie, Geschichte, Gesundheit und Selbstverteidigung gesprochen und gelehrt wird. Das Frauendorf „JINWAR“ stellt eine solche autonome Selbstverwaltung dar, in der sich Frauen in einer sicheren Umgebung untereinander austauschen und neue Ideen sowie Projekte entwickeln und realisieren können.

Eine gerechte und vor allem auch multiethnische Gesellschaft, in der sich verschiedene Bevölkerungsgruppen gemeinsam und basisdemokratisch in Räten organisieren. Jede politische und soziale Struktur, die Verwaltung militärischer oder wirtschaftlicher Belange, werden so angelegt, dass sie sich auf allen Ebenen selbst verwalten können. Somit wird dem Modell des Demokratischen Konföderalismus nachgegangen, in der eine Föderation von Regionen, Kantonen und Städten sowie Kommunen angestrebt wird, um auch kleinen Gemeinschaften die Möglichkeit einer autonomen Selbstorganisation zu geben und diese zu stärken.

In diesem gesellschaftlichen Klima wurde 2016 die “Rojava University” in Qamişli gegründet. Unter den aktuell zehn verschiedenen Studiengängen gibt es auch eine Fakultät für “Jineolojî”, was als “Wissenschaft zur Befreiung der Frau” übersetzt werden könnte. Aber auch andere sozialwissenschaftliche und auch naturwissenschaftliche und künstlerische Fächer können studiert werden. Frauen machen unter den rund 1.000 Studierenden der Rojava Universität einen Anteil von 60 % aus (vgl. https://www.nzz.ch/feuilleton/rojava-university-fuer-syriens-kurden-wird-ein-traum-wahr-ld.1497470 zuletzt abgerufen am 09.11.2019 um 19:15 Uhr)

Nur kurze Zeit später, nachdem sich Rojava aus den Aufständen inmitten des syrischen Bürgerkriegs entwickelt hatte und auch ein Zufluchtsort für die vom Bürgerkrieg geflüchteten Menschen darstellte, kam es zu einem Angriff des “Islamischen Staats” (IS) auf Kobanê, dessen fundamentalistische Haltung konträr zu den Ideen und Werten Rojavas ist; insbesondere hinsichtlich der feministischen Revolution, die in Rojava stattgefunden hat. 

Nur durch weltweite Solidaritätsbekundungen und Aktionen, aufgrund eines drohenden Genozids in Rojava, konnte international so viel Druck aufgebaut werden, dass die Selbstverteidigungskräfte  YPG/YPJ, die sich bis dahin allein dem IS entgegenstellen mussten, Unterstützung seitens der USA bekamen. Im Februar 2015 konnte die Stadt Kobanê damit endgültig vom IS befreit werden. 

Nun sollte der Kanton Afrîn auch territorial mit Kobanê entlang der türkisch-syrischen Grenzen miteinander verbunden werden. Das türkische Militär marschierte jedoch im Jahre 2018 im Rahmen der “Operation Olivenzweig” zum ersten Mal direkt in Syrien genau in eben jene Region ein, was dazu führte, dass Afrîn nicht an Kobanê angebunden werden konnte. Auf Befehl des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan wurden Dörfer um Afrîn beschossen und bombardiert mit dem vorgegebenen Ziel, die Selbstverteidigungseinheiten YPG/YPJ aus dem Grenzgebiet zu vertreiben und so die “nationale Sicherheit” der Türkei zu gewährleisten. Die nationale Sicherheit der Türkei war von Seiten Rojavas jedoch nicht gefährdet. Vielmehr stellte dieser völkerrechtswidrige Angriff der Türkei auf Rojava, der nicht der letzte bleiben sollte, ein Versuch dar, die Selbstverwaltung der Menschen in Rojava zu (zer)stören. Der Militäreinsatz führte auch zu zahlreichen Verhaftungen von regierungskritischen Politikern und Journalisten in der Türkei selbst. Auf die damalige Repression solidarischer protestierender Menschen im universitären Bildungsbereich sind wir in Punkt 3 ja bereits eingegangen. Die Türkei zog ihre Truppen im März 2018 wieder zurück.

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